Greenwashing – oder ist alles grün, was grün wirkt?
In der heutigen Finanzwelt ist das Thema Nachhaltigkeit allgegenwärtig, aber ist wirklich alles grün, was grün scheint? Nach der intensiven Auseinandersetzung mit ESG-Kriterien und den diversen EU-Verordnungen haben wir uns entschlossen, eine eigene Podcast-Folge und Blogpost dem Thema Greenwashing zu widmen. Hier erfährst du, worauf du achten musst, um sicherzustellen, dass deine nachhaltigen Investments wirklich halten, was sie versprechen.
Greenwashing
Wenn du dich durch unseren vorherigen Post über ESG-Kriterien und die diversen EU-Verordnungen zum Thema Nachhaltigkeit durchgearbeitet hast – Gratulation! Es war sicherlich eine Menge an Informationen, aber dafür bist du nun bestens für den nächsten Finanz-Talk gerüstet. Ursprünglich wollten wir in dieser letzten Folge auch noch etwas über Greenwashing sagen, aber weil es doch mehr Aufmerksamkeit und Raum braucht, haben wir daraus eine eigene Folge gestaltet.
Beim Diskutieren über nachhaltige Investments, auch in Beatrices Bankberatungstätigkeit, taucht unweigerlich die Frage auf: Wie kann ich sicher sein, dass ein nachhaltiger Fonds oder ETF wirklich nur in Unternehmen investiert, die diese Bezeichnung verdienen? Trotz der EU-Taxonomie, die den Rahmen dafür festlegt, was als nachhaltig gilt und was nicht, und obwohl sich die Finanzindustrie fortlaufend um mehr Transparenz und Klarheit bemüht, gibt es noch immer Schwachstellen, Graubereiche und Interpretationsspielraum.
Das zeigen auch diverse Studien. Eine IFES-Umfrage aus 2022, die kürzlich von der OeNB veröffentlicht wurde, zeigt, dass 70 % der Befragten der Meinung sind, die Finanzwirtschaft solle Nachhaltigkeitsrisiken berücksichtigen und den Übergang zu einer CO2-armen Wirtschaft maßgeblich finanzieren. Nachhaltiges Wirtschaften hat für Kunden im Finanzbereich einen hohen Stellenwert: 59 % bevorzugen Finanzunternehmen mit klaren umweltfreundlichen und ethischen Standpunkten. Allerdings müssen die Finanzinstitute noch stark am Vertrauen ihrer Kund*innen arbeiten, denn mehr als die Hälfte der Befragten unterstellt ihnen Greenwashing.
Geben sich Unternehmen wirklich Mühe?
Es ist auch unübersehbar, dass viele Unternehmen enorme Anstrengungen und Investitionen tätigen, um weniger CO2 auszustoßen, die Kreislaufwirtschaft zu fördern und insgesamt mehr Maßnahmen im ESG-Bereich zu ergreifen, um für die kommenden Jahrzehnte bestehen zu können. Unternehmen, die an der Börse notieren, müssen dies allein deshalb tun, weil sie sonst von institutionellen und privaten Anleger*innen nicht mehr gekauft werden können. In vielen Branchen gibt es Unternehmen, die einen beachtlichen Transformationsprozess von der „Old Economy“ hin zu zukunftsfähigen Technologien durchlaufen und sich durch neue Unternehmenskonzepte an die veränderte Klimasituation anpassen. Die besten dieser Kategorie werden in der Fondsbranche als „Transformation und Adaption Leaders“ geführt. Ein Beispiel dafür ist Ørsted, ein Unternehmen, das vom Erdöl- und Gasgeschäft nahezu vollständig in die Erzeugung erneuerbarer Energie umgestiegen ist.
Dennoch ist das Thema Greenwashing nach wie vor präsent. Immer wieder stoßen wir auf Unternehmen, die sich gerne ein grünes Mäntelchen umhängen, unter dem sich allerlei weniger grüne, sozial verträgliche oder auch compliance-technisch fragwürdige Aktivitäten verbergen. In den Medien werden immer wieder auffällige Beispiele von Greenwashing thematisiert. Nachhaltigkeit zu einem Marketinggag zu missbrauchen, kann für Unternehmen fatal enden, denn wenn ein solcher Schwindel aufgedeckt wird, kann das Unternehmen in den sozialen Medien mit Shitstorms überschüttet werden, die es ruinieren können. Der Reputationsschaden ist nur schwer wieder gutzumachen, und verunsicherte Investoren oder Konsumenten werden sich zurückziehen.
Beispiele Greenwashing
Ein aktuelles Beispiel: IKEA. Greenpeace hat recherchiert, dass das schwedische Möbelhaus für seine Holzmöbel in den rumänischen Karpaten, wo es die letzten Urwälder Europas gibt, täglich fünf Fußballfelder abholzen lässt. IKEA behauptet, dass 98 % des von ihnen verwendeten Holzes aus Quellen stammen, die vom FSC (Forest Stewardship Council) zertifiziert sind. Allerdings hat das FSC ein eher großzügiges Zertifizierungssystem, das die alten Wälder in den Karpaten nicht besonders schützenswert einstuft. Wie steht es also um IKEAs Verantwortung für seine Nachhaltigkeitsversprechen?
Ein weiteres Beispiel aus dem Flugverkehr: Vor einiger Zeit hatte die AUA mit einem CO2-neutralen Flug nach Venedig geworben, der durch die Verwendung von nachhaltigem Kerosin aus Pflanzenöl durchgeführt werden sollte. Die Passagiere waren bereit, dafür einen Aufpreis zu zahlen. Nachforschungen ergaben jedoch, dass derzeit nachhaltiger Flugkraftstoff nur in einem geringen Prozentsatz herkömmlichem Kerosin beigemischt werden kann. Das Gericht gab letztendlich dem VKI Recht, dass es hier um Konsumententäuschung handelte, und die Kampagne musste eingestellt werden.
Diese Beispiele lassen sich fortsetzen. Es geht uns aber darum, zu sensibilisieren, dass das Thema sehr komplex ist. Gleichzeitig möchten wir betonen, dass schon viel getan wird, um den CO2-Fußabdruck zu reduzieren, natürliche Lebensräume zu erhalten oder wieder aufzubauen (Renaturierung). Der Druck, dass alles nachhaltig sein soll, ist enorm, und auch deshalb kommt es zu diesen Verfehlungen, die letztendlich ein Schuss ins eigene Knie sind.
Was braucht es für eine Veränderung?
Was es also braucht: klarere Richtlinien, Labels und Gütesiegel, die Nachhaltigkeitskriterien überprüfen, denn diese führen Schritt für Schritt zu mehr Übersichtlichkeit und letztendlich zu mehr Vertrauen der Investor*innen, dass ESG-Kriterien auch wirklich eingehalten werden. Damit du als Investorin mit deinem Investment tatsächlich einen Beitrag zu einer saubereren Umwelt, zu besseren Arbeits- und Lebensbedingungen auf der Welt leistest.
Grüne Gütesiegel
Mittlerweile gibt es mehr Transparenz durch Nachhaltigkeitsratings externer Ratingagenturen, die nicht von den Unternehmen bezahlt werden, also mehr Objektivität bieten als Finanzratings. Das bekannteste in Österreich ist das Umweltzeichen, das es schon seit mehr als 20 Jahren gibt. Es schließt bestimmte Branchen wie Atomkraft, Rüstung, Gentechnik und fossile Brennstoffe aus. Staaten, die systematisch Menschenrechte und demokratische Grundrechte verletzen, werden ebenfalls ausgeschlossen. Bonuspunkte gibt es für Staaten, die ihre demokratischen Prozesse verbessern und Maßnahmen zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes ergreifen. Bei Immobilien geht es vor allem um Revitalisierung und Sanierung.
Dieses Label berücksichtigt also schon recht umfangreich positive und negative Kriterien. Wenn du also einen Fonds oder ETF mit diesem Zeichen kaufst, hast du einen hohen Grad an Sicherheit, dass die genannten Kriterien auch eingehalten werden. Details dazu findest du bei www.umweltzeichen.at.
Ein weiteres Gütesiegel ist das FNG-Siegel des Forum Nachhaltige Geldanlagen, das im deutschsprachigen Raum Publikumsfonds nach einer strengen ESG-Analyse bewertet. Es gilt als DER Qualitätsstandard für SRI (Socially Responsible Investing) im DACH-Raum. Hierbei werden Mindeststandards angesetzt, und dann gibt es noch die Kür nach einem Stufenmodell. Pflicht ist zum Beispiel die Einhaltung von Menschenrechten, keine Korruption, keine Kohle und kein Fracking. Zur Kür auf der obersten Stufe gehört wieder Impact Investing. Auf der Website kannst du alle aktuell mit dem Siegel ausgezeichneten Fonds finden.
Diese Gütesiegel erhöhen die Glaubwürdigkeit durch unabhängige Gutachter, tragen zur Standardisierung von nachhaltigen Finanzprodukten bei und geben dir als Investorin eine gute Orientierungshilfe.
Abschließend noch ein kurzer Hinweis darauf, dass die genannten Ziele und Maßnahmen auch immer mit den 17 von den Vereinten Nationen definierten Sustainable Development Goals im Einklang stehen sollten. Wenn du darüber mehr erfahren möchtest, empfehlen wir dir diesen Link.
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